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Presse- und Informationsamt der Bundesregierung "REGIERUNGonline" - Wissen aus erster Hand
Ehrendoktorwürde Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Fakultät für Physik und Geowissenschaften der Universität Leipzig am 3. Juni 2008 in Leipzig: |
Magnifizenz, Spektabilität, verehrte Mitglieder der Fakultät für Physik und Geowissenschaften der ehrwürdigen Universität Leipzig, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, Frau Ministerin, sehr geehrter Herr Hoher Vertreter, lieber Javier Solana, Herr Oberbürgermeister, Festversammlung, meine Damen und Herren,
ich sage ganz offen: Es ist ein bewegendes Ereignis, die Ehrendoktorwürde der Universität, an der man selber studiert hat, zu erhalten. Ich bedanke mich ganz herzlich für die freundlichen Worte und für die Auszeichnung.
Es bewegt mich natürlich, dass ich nunmehr Ehrendoktorin der Universität bin, in der ich einen wichtigen Teil meines Lebens verbracht habe. Es waren für mich - ich habe das immer wieder gesagt - schöne, vor allem sehr lehrreiche und wichtige Jahre. An manches erinnere ich mich nicht mehr ganz genau, aber ich weiß und bin mir sehr sicher, dass ich eine gute, sehr gute fachliche Ausbildung erhalten habe - nicht nur deshalb, weil mir das Studieren manchmal sehr schwer gefallen ist und die Anforderungen hoch waren, sondern auch, weil sich das später in meiner Arbeit als Physikerin im Bereich der Quantenchemie und auch im Vergleich mit Wissenschaftlern aus anderen Ländern immer wieder gezeigt hat. Dafür möchte ich den Hochschullehrern, die heute noch hier sein können, ein herzliches Dankeschön sagen.
Sie haben es nicht immer leicht mit den Studenten. Das wird heute nicht anders sein als damals. Ich weiß noch, dass unsere Seminargruppenleiterin, wie es damals hieß, nach ungefähr einem halben Jahr Studium einmal zu uns kam und sagte: "Fangen Sie bloß nicht an, sich an die Drei als eine gute Note zu gewöhnen." Wir waren eigentlich recht froh, dass wir es bis dahin geschafft hatten, gerade in den nicht immer einfachen mathematischen Übungen zu Beginn des Studiums. Ich erinnere mich an den Professor in Analysis, der uns, als wir forderten, Tabellenwerke und so weiter zu benutzen, immer entgeistert anschaute und sagte: "Womit wollen Sie eigentlich denken, wenn Sie nichts im Kopf haben?" Ich erinnere mich auch an den Professor - er ist vielleicht sogar hier -, der Übungsaufgaben immer nur zu Beginn oder vor der Vorlesung annahm und damit sicherstellte, dass wir nicht zu spät zu seiner Vorlesung kamen. Da die Vorlesung immer am Montag früh stattfand, war das eine der größeren Herausforderungen.
Ich war allerdings im Vorteil, denn ich hatte mir den Studienort Leipzig auch deshalb ausgesucht, weil ich dachte, ich muss einmal von Zuhause weg - meine Eltern wissen das. Wenn ich in Berlin studiert hätte, dann wäre die Versuchung vielleicht zu groß gewesen, doch immer wieder nach Hause in die Uckermark zu fahren. So habe ich bewusst Leipzig gewählt und am Wochenende oft die Freude gehabt, dem Thomanerchor zu lauschen. Ich habe mich in der evangelischen Studentengemeinde sehr wohl gefühlt. Mit der Seminargruppe haben wir sehr viele Discos veranstaltet und waren trotzdem immer früh um sieben Uhr zu den Übungen im Zentrum der Stadt. Es war also eine schöne Zeit. Ein herzliches Dankeschön dafür.
Natürlich hat mich das Studium sehr stark geprägt. Leipzig war auch unter den Bedingungen des Sozialismus eine Stadt, in der man an allen Ecken und Enden Menschen treffen konnte, die das freiheitliche Denken nicht aufgegeben hatten. Studenten und Assistenten wiesen uns junge Studenten darauf hin, dass da, wo Universitätsgebäude waren, früher einmal eine Universitätskirche stand. Ich hoffe, dass es jetzt gelingt, die verschiedenen Zeitebenen gut zusammenzuführen. Herr Oberbürgermeister, ich glaube, Sie haben hier einen wichtigen Schritt getan, um auch derjenigen zu gedenken, die für ihre Aufrichtigkeit in der Zeit des Sozialismus viele Nachteile hinnehmen mussten, und sie genauso zu würdigen wie die, die versucht haben, unter den Bedingungen des Sozialismus ordentliche, vernünftige wissenschaftliche Arbeit zu leisten.
Wenn man nicht mehr in den Naturwissenschaften tätig ist - Sie werden von mir sicherlich keinen wissenschaftlichen Vortrag erwarten; das könnte nur schief gehen -, stellt sich die Frage: Was bleibt und was prägt einen? Albert Einstein hat einmal gesagt: "Wenn du ein wirklicher Wissenschaftler werden willst, dann denke wenigstens eine halbe Stunde am Tag das Gegenteil von dem, was deine Kollegen denken." Ob mir das immer gelingt, weiß ich nicht. Die demokratische Vielfalt zeigt jedenfalls, dass man genügend Möglichkeiten hat, so etwas zu denken.
Javier Solana möchte ich ganz herzlich für seine Worte danken. Er als Physiker versteht sicherlich manches, was das wissenschaftliche Herangehen an Politik betrifft. Die wissenschaftliche Herangehensweise ist nicht die einzig mögliche, aber ich sage immer: Sie ist nicht hinderlich. Das spricht für die Wissenschaft ebenso wie für die Politik, wie ich finde. Lieber Herr Ministerpräsident, es ist schon richtig, dass die Gleichungen der Physik und der Politik unterschiedlich sind. Aber wenn zwei mal zwei nie vier ist, dann stimmt meist auch mit der Politik etwas nicht. Auch das hat sich bewahrheitet. Ich glaube, das wird auch so bleiben.
Ich freue mich, dass ich diese Ehrendoktorwürde am Anfang des 21. Jahrhunderts erhalte - in einer Zeit, in der die Bedeutung von Forschung, von Wissenschaft, von Erkenntnis für uns in Deutschland und in Europa mit Sicherheit eine zunehmende Tendenz hat. Wir sind nach dem Ende des Kalten Krieges, wir sind nach der deutschen Wiedervereinigung aufgefordert, uns in einem völlig neuen internationalen Umfeld zu bewähren. Für mich als Bundeskanzlerin ist es eine wunderschöne Sache, die Frage von Wissenschaft, von Forschung, von Hochschulen, von Instituten immer wieder mit Leidenschaft mit nach vorne zu treiben, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass unser Bundespräsident Horst Köhler Recht hat, wenn er sagt: Wir müssen um so viel besser sein, wie wir teurer sind.
Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, dann wird uns das mit unserer Ressource des Wissens, des Könnens, des Denkens, des Forschens gelingen können. Aber wir müssen diese Ressource auch aus voller Kraft nutzen. Deshalb haben wir uns in der Bundesregierung vorgenommen, drei Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. Daran müssen sich viele beteiligen: die Wirtschaft, aber eben auch der Staat. Dazu müssen viele mithelfen. Dabei kommt den Hochschulen natürlich eine Schlüsselrolle zu.
Herr Dekan, Sie haben eben davon gesprochen, wie Sie sich beim Einwerben von Drittmitteln, bei Impact-Faktoren und sonstigem manchmal auch ein bisschen beschwert fühlen. Ich könnte aus Zeiten vor dem Fall der Mauer sagen: Seien Sie froh, dass Sie das alles können. Denn auch das ist natürlich klar: Damals konnte man sich relativ leicht erklären, warum man manchmal nicht gut sein konnte. Zum Schluss hat man gar nicht mehr gewusst, ob man eine Ausrede für die eigene Bequemlichkeit suchte oder ob es wirklich die widrigen Umstände waren.
Dass Menschen nicht an ihre Grenzen kommen konnten - das war das, worunter ich am meisten gelitten habe. Es ist ernüchternd, wenn man an seine eigenen Grenzen kommt, aber es ist natürlich noch ernüchternder und führt zu Fatalismus, wenn man nie an seine eigenen Grenzen gehen darf. Deshalb lieber einmal eine schlechtere Bewertung in irgendeiner Hierarchie und anschließend eine Anstrengung, als dass man den Exzellenzgedanken gleich streicht, weil man nicht glaubt, dass er Gültigkeit haben sollte.
Deshalb glaube ich auch, dass die Exzellenzinitiative genauso wie der Hochschulpakt, den wir geschlossen haben, wichtige Beispiele dafür sind, dass wir uns in Deutschland nicht darum herumdrücken, dass der Leistungsgedanke ein wichtiger Gedanke bei der wissenschaftlichen Betätigung und in der Forschung sein wird.
Ich glaube, es ist gut, dass wir sagen: Wenn unsere Zukunft in Forschung und Entwicklung liegt, dann brauchen wir mehr Studentinnen und Studenten. Als Lobbyistin für meine Fakultät, in der ich nun auch die Ehrendoktorwürde habe, sage ich natürlich: Wir brauchen vor allen Dingen auch Studentinnen und Studenten in den technischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereichen. Deshalb ist es jede Mühe wert, Menschen für diese Bereiche zu begeistern. Die gängige Abkürzung für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik heißt heute "MINT-Fächer" - ob das nicht Anlass zu Fehleinschätzungen gibt, weiß ich nicht. Im "Jahr der Mathematik" brauchen wir gerade auch die Begeisterung von mehr Frauen. - Wenn Sie schon nicht die Ehepartnerinnen eingeladen haben, ist es insofern richtig, dass Sie insbesondere die Studentinnen eingeladen haben. - All das sind Dinge, die wir in unserem Land voranbringen müssen. Wir müssen vor allen Dingen auch die Freude an der Erkenntnis in möglichst vielen Bereichen wach halten.
Wir haben uns von der politischen Seite her mit unserer Wissenschafts- und Forschungsministerin Annette Schavan sehr klar dafür entschieden, uns nicht in die Tasche zu lügen, sondern mit unserer Hightech-Strategie in 17 Bereichen genau zu analysieren: Wo steht Deutschland, wo sind wir spitze, wo nicht? Wir brauchen unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Die zwei Nobelpreise des vergangenen Jahres haben das gezeigt. Wir wissen aber auch: Es gibt viele auf der Welt, die sich ebenfalls um Erkenntnis bemühen. Wir wissen, dass wir die großen Probleme auf unserer Erde nur bewältigen können werden, wenn wir in der Lage sind, immer wieder neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ich nenne die Themen Klimawandel, wachsende Weltbevölkerung, Leben in Würde für jeden einzelnen Menschen, die Knappheit der Ressourcen, die Gewinnung von Energie - all diese Herausforderungen werden nicht zu bewältigen sein, wenn wir nicht auch dazu bereit sind, völlig neue Wege zu gehen.
Wenn die Wissenschaftler und Forscher in einem Land dies tun, dann ist damit eine gute Basis dafür gelegt, dass sich auch das gesellschaftliche Klima im Lande entwickeln kann. Denn natürlich müssen Wissenschaftler und Forscher auch zu denen gehören, die eine hohe Reputation, eine hohe Anerkennung in einem Land erfahren. Deshalb bin ich sehr dafür, dass der Dialog zwischen Politik und Wissenschaft, zwischen Gesellschaft und Wissenschaft immer wieder geführt wird.
Ich habe oft erlebt, dass die Sprachen der einzelnen Gebiete sehr unterschiedlich sind. Als Umweltministerin habe ich in mancher Pressekonferenz gelitten, wenn sich der Wissenschaftler nicht festlegen wollte, ob etwas ohne Risiko ist oder nicht, sondern immer von "nahezu" und "wahrscheinlich" redete. Dann kam natürlich automatisch die Frage: Können Sie ausschließen? Bevor der Wissenschaftler etwas ausschließt, muss schon viel passieren. Auf der anderen Seite ist die Sprache der Politik natürlich eine ganz andere.
Ich bitte Sie als Ihre Ehrendoktorin daher auch, als Wissenschaftler eine möglichst bevölkerungsfreundliche Sprache zu wählen. Oft verzagen Menschen daran, Freude an der wissenschaftlichen und technischen Erkenntnis zu haben, weil sie schon nach dem dritten Satz nicht mehr folgen können. Der schlimmste Zustand ist aber nicht erreicht, wenn Ihr Gesprächspartner etwas nicht versteht, sondern der schlimmste Zustand ist erreicht, wenn Ihr Gesprächspartner gar nicht mehr weiß, was er fragen soll und ob nicht schon die Frage komisch ist und Anlass dazu bietet, dass das Gegenüber lächelt und sagt: Es hat ja wohl doch keinen Sinn gehabt. Ich erlebe das bei mir inzwischen auch häufiger. Nach 20 Jahren Politik hat sich die Wissenschaft weiterentwickelt; insofern muss ich aufpassen, dass ich wenigstens noch Fragen stellen kann. Vom Antwortengeben bin ich weit entfernt.
Ich freue mich aber, Herr Oberbürgermeister, dass sich gerade Ihre Universität hier in Leipzig, meine Universität, nunmehr aufs Neue dem Leitmotto "Aus Tradition Grenzen überschreiten" ganz bewusst geöffnet hat, dass Sie diesen Weg gehen, dass Sie eine zunehmende Zahl von Studierenden haben und dass Sie mit Interesse und Begeisterung jungen Menschen den Weg in das Leben bahnen. Ihre Universität ist wirklich von großen Persönlichkeiten geprägt: von Ernst Bloch, von Gustav Hertz, von Theodor Mommsen. Die Liste der Studentenschaft zieren Namen wie Johann Wolfgang von Goethe, Leibniz und nicht zuletzt Hans-Dietrich Genscher - er kann heute leider nicht hier sein -, der Alumnus der juristischen Fakultät ist.
"Aus Tradition Grenzen überschreiten" - das war immer ein Erfolgsmotto dieser und meiner Universität. Dabei wünsche ich Ihnen weiterhin alles Gute. In meinem bescheidenen Rahmen - ich darf ja niemanden bevorteilen, sondern muss alle gleich behandeln, wenn sie gut sind - werde ich immer ein Herz und ein kleines Stück in meinem Herzen für die Alma Mater in Leipzig haben.
Herzlichen Dank dafür, dass ich heute diese Auszeichnung bekommen habe. Ich freue mich sehr und bedanke mich auch bei all denen, die heute hierher gekommen sind, den Freunden, den Eltern, dem Bruder, und wünsche uns nachher noch ein paar gemeinsame Minuten. |
Anlagen zum Download:
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